Narben der Erde

Esther Kinsky: Rombo; Cover: Suhrkamp

Das schicksalhafte Beben im Jahre 1976 erschütterte den italienischen Friaul bis ins Mark. Die Spurenlese dieser Naturkatastrophe betreibt Esther Kinskys Roman Rombo. Ihre Erinnerungsfunde gliedert sie ein in eine natürliche Poetik, die von menschgemachten Narben geziert ist. Zugleich bedeutet das Beben das Ende der traditionellen Lebensweise der Bewohner der Berge Friauls. Eine spannende Nominierung für den Deutschen Buchpreis, aber ob es für den Sieg reicht?

von THOMAS STÖCK

Am 6. Mai 1976 bebt die Erde. Im Friaul, der in Norditalien zwischen Venetien, dem österreichischen Kärnten, dem slowenischen Primorska und der Adriaküste gelegenen Region sterben knapp 1.000 Menschen und weitere 50.000 verlieren innerhalb des nicht einmal eine Minute andauernden seismischen Bebens ihr Obdach. Auf die Suche nach den noch heute sichtbaren Spuren dieses Erdbebens begibt sich Esther Kinskys Roman Rombo. Und dieser Roman wartet mit einem wahren Feuerwerk an solchen Spuren auf. Einmal mehr steht im Zentrum von Kinskys Poetikunternehmung der Naturraum, wie man dies auch schon aus früheren Kinsky-Texten wie Hain: Geländeroman kennt. Kapitel aus figürlicher Perspektive wechseln sich ab mit solchen, die Namen tragen wie „Landschaft“, „Vipern“, „Ziegenmelker“.

Dabei kommt der Roman überaus träge in Gang. Im ersten Teil der Erzählung wird aus den sieben Figurenperspektiven sowie unter Hinzunahme landschaftlich-natürlicher Beschreibungen der Ablauf des Erdbebens nachvollzogen. Durch die Wiederholung des gleichen Ereignisses erzeugt Kinsky ihre eigenen sprachlichen Vorbeben für den Hauptteil. Dieser nimmt sich deutlich facettenreicher heraus, beinhaltet er doch die Lebensgeschichten der sieben Figuren und deren Familien sowie die vielen Sagen und Legenden aus den Bergen des Friaul. Dabei erinnern einzelne Erzählungen an Ovids Metamorphosen, in denen die Verwandlung mythischer Figuren in Tiere, Pflanzen und Erdregionen das Gedächtnis von Orten auf erzählerische Weise aufruft. Es lohnt sich, die beiden Sichtweisen auf den Friaul, also den figürlichen und den natürlichen Erzählteil, separat zu beleuchten.

Figürliche Perspektive: Das Erdbeben bricht alte Strukturen auf

Meine liebste Figur aus dem Kreis der sieben Auserwählten ist der Ziegenhirte Gigi. Er tritt in Erscheinung als ein junger Mann, der von seiner Umwelt als etwas verrückt, vielleicht auch dumm wahrgenommen wird. Gigi ist ausgesprochen schweigsam und wenn er redet, dann am liebsten mit seinen Ziegen. Er ist der stille Beobachter der Ereignisse um ihn herum. Er sieht mit an, wie schon vor dem Erdbeben zerrüttete Familienverhältnisse endgültig erschüttert werden. Frauen machen sich endlich frei von ihren Männern, Kinder verlassen das Nest – und den Friaul. Dabei deutet Gigis Beruf zugleich an, dass die Lebensrealitäten im Friaul 1976 noch stark in alten Traditionen verhaftet waren. Es begegnen uns antiquierte Berufsbilder, überkommene Geschlechterrollen und weit und breit ist kein Wandel in Sicht. Bis zum Erdbeben.

Während sich viele Dorfbewohner dem Aufbau ihrer zerstörten Dörfer widmen, gehen Einzelne zum Arbeiten in Hotels an der Küste oder in Fabriken im Nordosten Italiens, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Verlassen des Dorfs zeitigt einen zunehmenden Wohlstand der vorher eher subsistenzwirtschaftlich arbeitenden Bevölkerung. Konsumgüter dringen nach und nach in den Alltag ein und einzelne Personen beginnen ihre Träume vom Reisen zu verwirklichen. Zugleich verlieren einige der Dorfbewohner in den Monaten nach dem Erdbeben ihr Leben. Eng verknüpft ist ihr Schicksal mit der kaum passierbaren Natur.

Natürliche Perspektive: Menschgemachte Narben

Kinskys großes poetisches Vermögen zeigt sich in ihrer Erhebung der Natur zur Protagonistin. Zugleich zeigt sich hier ihr lyrisches Sprachverständnis. Ihr farbenprächtiger Duktus lässt aus drögen geo- und biologischen Beschreibungen imposante Impressionen erwachsen, sodass der Friaul mit seinen Bergen und Tälern mitsamt Flora und Fauna vor unserem geistigen Auge aufersteht. Zugleich zeigt Kinsky die vielfältigen Narben auf, die der Mensch auf seinem Eroberungszug durch die Landschaft hinterlassen hat. Zu Beginn wird beispielsweise häufig die Carbon-Schlange erwähnt, welche nicht nur durch ihren Biss den Menschen Unheil zu bringen vermag. Tötet man eine Carbon, so die im Friaul vorherrschende Legende, bringe dies Unglück. Und unmittelbar vor dem Erdbeben nehmen die toten Schlangen quasi Überhand. Auch der titelgebende Rombo, eine Art Grollen, gilt den Friaul-Bewohnern als Schreckensbote. Grollt die Erde, wird sie beben. Für die Menschen bedeutet das Grollen jedoch mehr als das:

„Uns allen, die wir das Erdbeben mitgemacht haben, hat das Grollen eine Wunde versetzt. Davon ist eine Narbe geblieben, die nie weggeht. Bei manchen ist sie klein und versteckt, bei anderen ist sie offen, wie der weiße Wulst in der Haut von einem abgerutschten Hieb beim Holzfällen. Wir mussten danach, nach dieser Wunde, alle wieder von vorne anfangen, wir waren wie Kinder, nur dass wir Erwachsenen ja schon ein Leben hatten, das hinter uns lag und das wir kannten. Aber wir mussten fast alles neu anfangen.“

Wie sich das Beben in die Menschen einschreibt, so existieren in Rombo auch Beschreibungen fotochemischer Prozesse. Diese durch Nicéphore Niépce begründete Technologie erlaubt es dem Menschen, das Licht, den „Stift der Natur“ einzufangen und langfristig zu binden. Das Foto ist zugleich die Metapher schlechthin für das Erinnern vergangener Momente – denn Fotos lügen nicht. Auch die Natur lügt nicht und so finden sich teils noch heute die Ruinen der damals zerstörten Häuser.

Danteske Läuterung in friaulischen Bergen

Die Natur wird zugleich als wirkmächtige Metapher aufgerufen. Dafür begibt sich Kinsky auf die literaturhistorischen Pfade Italiens und landet bei Dantes Purgatorio. Diesen stellt er sich als Läuterungsberg vor (und so lautet auch der Name eines Kapitels in Kinskys Roman).

„Der suchende Dichter und Reisende, Wandernde folgt diesem Pfad und lernt in der Begegnung mit den in Läuterung Befindlichen, dass jede Befreiung im Jenseits, die aus diesem Zwischenzustand des Büßens ins Paradies führt, von einem Erdbeben in der diesseitigen Welt begleitet ist.“

Die Sünden der Menschheit finden sich in Kinskys Roman in diesen Läuterungsberg eingeschrieben, wie umgekehrt die Natur die Menschen zeichnet. Narben tragen sie beide im Gesicht. Am Ende von Kinskys Roman steht nicht etwa der Einzug ins Paradies wie im Falle von Dantes Purgatorio, sondern ein neuerliches Beben, das viele Dorfbewohner endgültig aus den Bergen des Friaul vertreibt. Und auch dieses Mal grollt die Erde. Ob die Erde auch bei der Preisverleihung für den Deutschen Buchpreis bebt? Kinskys poetisches Vermögen steht sicherlich nicht in Zweifel und Rombo wäre ein wohlverdienter Kandidat für den ersten Platz – anders als Andreas Stichmanns Roman. Abträglich könnte allenfalls der langsam in Gang kommende Spannungsbogen sein, mit dem sich Kinsky vielleicht nicht zu einem Publikumsliebling aufschwingt. Doch die Erbin Ovids und Dantes zeigt, welches Potenzial der Literatur auch noch im Jahre 2022 innewohnt.

Esther Kinsky: Rombo. Roman
Suhrkamp Verlag, 267 Seiten
Preis: 24,00 Euro
ISBN: 978-3-518-43057-6

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