To be, or not to be?

Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins; Cover: homunculus

Es gibt vielleicht keine Frage auf der Welt, die die Menschen mehr umtreibt: Was geschieht nach dem Tod? Dass wir alle eines Tages sterben müssen, sofern in den nächsten Jahren keine medizinische Revolution stattfindet, ist klar. In ihrem Debütroman 153 Formen des Nichtseins stellt sich Slata Roschal die Frage nach dem Leben, dem Tod, und dem Dazwischen – dem Nichtsein. Dabei hält sie nicht ganz, was sie verspricht, aber das ist auch gut so, denn hätte sie das Nichtsein wörtlich genommen, so lägen leere Seiten vor uns. Der Roman hat es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2022 geschafft, auf der Shortlist fehlt er. Schade.

von REEMDA HAHN

Zugegeben, mit der Wahl der Überschrift habe ich es mir wirklich einfach gemacht. Eines der bekanntesten literarischen Zitate enthält das Wort Nichtsein, zumindest in der deutschen Übersetzung. Der Satz ist so bekannt, dass es sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel über ihn gibt. Anders als Shakespeare mit seinem Hamlet stellt Slata Roschal aber gar nicht mehr die Frage nach dem Sein oder Nichtsein, wägt nicht ab zwischen Handeln und Todessehnsucht – das Nichtsein ist der Kern des Romans, und dieser präsentiert uns gleich 153 Formen davon. Dabei hat Slata Roschal es sich nicht einfach gemacht, wie will man schon etwas darstellen, das nicht ist? In den 153 durchnummerierten Textabschnitten denkt die Ich-Erzählerin Ksenia über das Nichtsein nach, aber viel mehr eigentlich über ihr Sein und ihre Vergangenheit. Der Roman selbst ist aber auch nicht das, was man von einem stereotypen Roman erwartet, auch die sehr ungerade Zahl von 153 hätte eine durchgängige Erzählung ermöglicht. Stattdessen präsentiert er sich als Konglomerat aus verschiedenen Textformen, Tagebucheinträgen, Ebay-Kleinanzeigen, Einkaufszettel, und wer hätte gedacht, dass Reisepacklisten literarisch sein können.

Von allem ein bisschen, aber nichts so ganz

Die Bruchteile der Geschichte setzen sich mit der Zeit zusammen, beim Lesen sammeln sich immer mehr Informationen über die Erzählerin und ihr Leben an, aber eben nicht chronologisch. Erst in Abschnitt Nr. 20 erfahren wir beiläufig den Namen der Erzählerin, Ksenia Lindau, während wir über ihre Familienverhältnisse schon weitestgehend aufgeklärt sind. Schon als Kind spürt sie die Zerrissenheit, die sich in der Migrationsliteratur der letzten Jahrzehnte bis heute grundsätzlich äußert: „Mein Bruder und ich wussten nicht, wer wir waren. Während sich unsere Eltern eindeutig als nach Deutschland gekommene Russen mit ‒ der Legende nach ‒ jüdischen Wurzeln bestimmen ließen, so waren mein Bruder und ich Russen, Deutsche, Juden, alles in einem, ohne dass es eine Bezeichnung dafür gab.“ Und so gibt es in der Familie von allem ein bisschen was, aber es wird sich nicht festgelegt, warum auch, wenn man über alles schimpfen kann:

„Jeden Samstagabend gingen wir zu Oma und Opa und guckten im Fernsehen russische, deutsche und israelische Nachrichten, lasen russische Illustrierte, in denen es um Familie und Beziehungen ging, Opa las auch eine jüdische Zeitung, die ich ein paar Mal aufschlug und langweilig fand. Mein Opa hörte sich prinzipiell beide Neujahrsansprachen an, auf Russisch und auf Deutsch, und ärgerte sich gleichermaßen über die zur Schau gestellte Gläubigkeit ehemaliger KGB-Offiziere wie über die geschmacklosen Anzüge von Frau Merkel.“

Darüber hinaus zählen sich ihre Eltern zu den Zeugen Jehovas, was den Alltag der Familie maßgeblich bestimmt. Ksenia tritt mit der Volljährigkeit aus der Gemeinschaft aus, spätestens zu diesem Zeitpunkt ist das Verhältnis zu ihren Eltern völlig zerrüttet, und als sie dann noch im Studium schwanger wird, ruft ihre Mutter sie nur noch an, um ihr Vorwürfe zu machen. Ihre Zweckbeziehung mit ihrem Ehemann und Vater ihres Sohnes Emil besteht aus Extremen, Phasen von jugendlich-aufgeregter Nähe und absolut abgekühlter Distanz wechseln sich ab. Diese Distanz, wenn auch weniger kühl, bewahrt sich die Erzählerin auch zu ihrem Lesepublikum: Sie siezt es nämlich und schenkt ihm doch gleichzeitig die intimsten Einblicke in ihre Gedanken.

Von den vielen Realitäten der Wahrheit

Ein Roman beinhaltet per Definition das Schicksal einer oder mehrerer Hauptfiguren, die im Laufe der Geschichte eine Entwicklung durchmachen. Dieser Roman macht es uns nicht leicht, er mutet eher wie eine lose Zettelsammlung an, zwischendurch sprechen auch andere Stimmen als Ksenia, die namenlos bleiben. Man muss sich die Informationen über die Erzählerin sorgfältig herauslesen, die prosaischen Textblöcke wechseln sich ab mit solchen, die weniger literarisch wirken, wie Kassenbons oder aus dem Internet kopierte Texte. Tatsächlich stammen einige Abschnitte nicht aus der Feder der Autorin, vor allem finden sich immer wieder Auszüge aus der offiziellen deutschen Website der Zeugen Jehovas. Sie zitiert unter anderem von der Kinder- und Jugendseite und der Elternberatung, die Links stehen immer dabei. Wer die digitale Version des Romans liest, kann diesen Links direkt folgen, das Buch verlassen, aus der einen Realität in die andere springen, denn von Fiktion kann man hier eigentlich gar nicht sprechen. Und doch scheint vieles von dem, was auf eben dieser Website zu lesen ist, wie aus einer anderen Zeit, man hofft geradezu, die Autorin hätte sich das alles ausgedacht. Ein Artikel, der Eltern helfen soll, ihr Kind zu Selbstbeherrschung zu erziehen, erklärt: „Heute Ihr Nein zu hören, wird Ihrem Kind morgen helfen, selbst Nein zu sagen — zu Drogen, Sex vor der Ehe oder anderen Dingen, die ihm schaden.“ Sex vor der Ehe und Drogen werden gleichgesetzt in ihrer Schadhaftigkeit, im Jugendportal der Seite wird jungen Menschen beantwortet, warum sie Nein zu Sex sagen sollen: „Hier ein Merksatz für dein Verhalten gegenüber Jungen beziehungsweise Mädchen: Wenn deine Eltern etwas nicht mitbekommen sollen, dann lass es lieber bleiben.“

Die Erzählerin beobachtet als Erwachsene immer wieder Zeugen Jehovas auf der Straße, die den Menschen „die Wahrheit“ näherbringen wollen, sie durchsurft die Website und entdeckt, dass es mittlerweile Trickfilme zur Morallehre für die Kleinsten gibt, es geht ihr wie mir, als ich mich für diese Rezension auf der Seite umgesehen habe: „Wie ein Spion schaue ich mir die Website an, lasse mich faszinieren vom Kontrast zwischen dem Offenen, Vorbildhaften, Transparenten und einer immanenten Kompliziertheit, einer Realität, die da unausgesprochen bleibt.“ Hinter einem Auszug von der Website liest man im Roman noch folgendes Zitat: „(Diese Veröffentlichung ist für den internen Gebrauch gedacht und wird nur für Versammlungen der Zeugen Jehovas zur Verfügung gestellt. Sie ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht.)“ An dieser Stelle verlassen wir die Erzählebene: Es ist nicht nur die Erzählerin, die diesen Hinweis bewusst ignoriert, auch die Autorin und ihr Verlag tun dies, man hätte den Hinweis auch einfach weglassen können. Wie viel öffentlicher kann eine Aussage noch sein als gedruckt in einem Buch? Handeln Autorin und Erzählerin hier mutig oder die Zeugen zu naiv, dass ihre Texte, die auf einer öffentlich erreichbaren Website einsehbar sind, verbreitet werden?

Nichtsein kann so vieles sein

Das Wort Nichtsein fällt im Roman – sofern ich mich nicht verzählt habe – achtmal. Das ist deutlich weniger als 153-mal, aber es äußert sich tatsächlich in den unterschiedlichsten Formen, es steht im Zusammenhang mit Misogynie, Depressionen, Verzweiflung, Angst, Ungewissheit, dem Schreiben von Büchern. Was das Nichtsein also ist, muss nicht enträtselt oder interpretiert werden, die Erzählerin sagt es uns, aber es gibt eben keine Einheitlichkeit. Mal bedeutet Nichtsein, eine Sprache nicht richtig zu sprechen, für Ksenia also „ein primitives, instinktgetriebenes Nichtsein“, dann wieder beschreibt es die Gratwanderung zwischen Russisch- und Deutsch- und Nichts-davon-so-richtig-Sein. Das Nichtsein bedeutet für die Erzählerin fast immer Negatives, es macht ihr Angst, mehr noch als der Tod: „Dass ich ja keine Garantie für sonst was habe, ich weiß ja eigentlich nicht mal, ob ich in fünf Minuten noch lebe, und das macht Angst, nicht das Sterben, nicht das Totsein, sondern das Nichtsein und Nichtwissen, also das Wissen, nicht unsterblich zu sein.“ Die Sprache passt sich an diese wechselnden Funktionen des Nichtseins an, manche Sätze beendet Ksenia nicht, macht plötzlich Gedankensprünge, lässt Wörter weg, reiht Hauptsätze ohne Rücksicht auf Grammatik aneinander. Slata Roschal gelingt es, aus augenscheinlich willkürlich aneinandergereihten Textteilen ein Ganzes zu schaffen, das Nichtsein mit Vielsein zu beschreiben und der Erzählerin Ksenia trotz derer Depressivität und holprigen Gedanken eine hoffnungsvolle, vorsichtig emanzipierte Stimme zu geben. Mein Vorschlag: Lesen Sie es, und wenn es gefallen hat, lesen Sie es nochmal. Aber dann beginnend von hinten, oder ganz durcheinander, auch wenn die Kapitel so schön durchnummeriert sind. Es lohnt sich!

Slata Roschal: 153 Formen des Nichtseins

homunculus, 176 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-946120-94-0

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