Zur Buchandacht in drei Akten

Gespräch zum Buch Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist von Richard David Precht und Harald Welzer

Impressionen eines Bibliophilen auf der Frankfurter Buchmesse 2022 – Wer glaubt, dass die Liebe zum Buch einen über alle Höhen und Tiefen einer Buchmesse tragen kann, der irrt leider. Denn es ist in erster Linie genau diese Liebe, die uns immer wieder in diese leidliche Situation bringt.

von MEIKE WINKLER

Akt I: Bibliophilie, die – Liebe zu Büchern

So definiert es der Duden. Diese Liebe kann vom klassischen Buch bis zu allem auch nur annähernd Buchrelevanten sein wie Lesezeichen, Zitatbilder oder thematische Duftkerzen. Nicht zuletzt treibt es viele Bibliophile, wenn Introvertiertheit oder gar Misanthropie nicht allzu stark ausgeprägt oder die Liebe zum Buch doch stärker ist, immer wieder zu Veranstaltungen, die ihrem geschätzten Interesse zuträglich sind. Lesungen, Diskussionen, Präsentationen oder auch Buchmessen – sofern etwas, das sich Buch schimpfen darf, oder eine innige Verwandtschaft mit diesem pflegt, Gegenstand der Zusammenkunft ist, kanngewiss sein, dass mindestens ein Bibliophiler zugegen ist.

Akt II: Messe, die – große [internationale] Ausstellung von Warenmustern eines oder mehrerer Wirtschaftszweige    

Die Motivation, um die Frankfurter Buchmesse zu besuchen, mag unterschiedlich geprägt sein. Vom Erwerb neuer Bücher in einer der größten Buchmarkthallen Deutschlands (zumindest am Wochenende), über Autorenevents und anderweitiger Kontaktknüpfungsmöglichkeiten bis zur Präsentation und Diskussion aktuell relevanter literarischer Werke – ein Potpourri, das für jeden etwas bereithält, jedoch auch schnell Ausmaße annimmt, die selbst Hartgesottene an ihre Grenze bringt. So wird aus einer To-Do-Liste rasch ein eiliges Umherirren zwischen Menschen und Verlagsständen, die ein endloses Bombardement von Sinneseindrücken abfeuern, so dass sich der Besucher in ein kopfloses Huhn zu verwandeln droht. Ist die Zeit dann auf einen Tag begrenzt, wird es sportlich, so wie auch dieses Jahr:

  • Abarbeitung der Lieblingsverlagsstände: viele interessante (neue) Bücher, die ich alle lesen will.
  • Interview zum neuen Buch Die vierte Gewalt – Wie Mehrheitsmeinung gemacht wird, auch wenn sie keine ist von Richard David Precht und Harald Welzer beiwohnen – enttäuscht von der primär passiv-aggressiven Moderation, die argumentativ selbst hinter meiner schlechtesten Hausarbeit zurückbleibt.
  • Einen Abstecher in die Halle des Ehrengastes machen – zauberhaftes Ambiente, Interesse tragischerweise nur mäßig vorhanden, da sofort unangenehme Erinnerungen an den Spanischunterricht hochkommen: Lo siento, España! Schätze, ich muss auf Übersetzungen warten.
  • Unplanmäßig am Stand von Sidewalk Stories hängen geblieben – Interaktive Geschichten, die Nutzer an bestimmte geographische Punkte lotsen, wo sie unterschiedliche Figuren über ihr Handy treffen. Nächste Wochenendplanung: Check!
  • Ganz viel weiteres unplanmäßiges Oh-guck-mal-da! Das meinen Rucksack mit Broschüren und Werbekarten interessanter Verlage, Bücher und Personen füllt, während die Fotoeinkaufsliste auf meinem Handy stetig wächst und ich doch irgendwie froh bin, am Fachbesuchertag keine Möglichkeit zum Kauf von Büchern zu haben.
  • Abschließendes Verweilen am blauen Sofa des ZDF, wo zum Thema Frauen in Afghanistan von Christine Watty ein fantastisches Gespräch mit Waslat Hasrat-Nazimi (Die Löwinnen von Afghanistan), Shikiba Babori (Die Afghaninnen) und Susanne Schröter (Global gescheitert?) gehalten wird, das Interesse nach mehr schafft.

Akt III: Andacht, die – innere Sammlung, Anteilnahme

So hören wir den Kritiker gewiss sagen, der Stress sei selbst gewählt. Man könnte sich schließlich weniger Vornehmen, dann bleibt auch Zeit zum Genießen. Doch versteht derjenige nicht, was es heißt, als Buchgetriebener über die Erde zu taumeln – und ja, es ist ein Taumeln, steckt die Nase doch stehts im Buche, da bleibt für die motorische Geradlinigkeit oder geographische Orientierung nur wenig Zeit. Bietet sich daher ein Anlass wie die Frankfurter Buchmesse, wo aus dem Vollen geschöpft werden kann, findet sich der Bibliophile schnell zu vielem verleitet und rasch erschlagen. Bloß nichts verpassen! Und seien wir ehrlich: Die Messe, auch wenn sie dem Namen nach der Literatur verschrieben ist, tut sich schwer, einen Raum zu schaffen, der einer adäquaten Wertschätzung des geschriebenen Wortes gerecht wird. Denn wer etwa einer Diskussion beiwohnt, die nicht gerade an einem finanziell starken Verlagsstand stattfindet, kann von Glück reden, wenn Platz in den ersten Reihen oder vor einem Lautsprecher ist. Ansonsten fühlt sich selbst der Gehöruneingeschränkte wie Oma Emmi bei der Sonntagsandacht: Was hat er gesagt? Gewiss wird es mich nicht abhalten, weiterhin zur Frankfurter Buchmesse zu pilgern und meiner Lust an der Literatur zu frönen, doch bleibt auch mein frommer Wunsch in diesem Jahr: Gebt uns mehr Bestuhlung und einen Ort zum Innehalten. Amen!

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