In der lesBar mit den USA und dem König der Löwen

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Eine Weltmacht, ein dramaturgisches Naturtalent, eine Rückblende, ein Tisch voll Sushi, ein großartiger Champagner, eine Analogie mit Großkatzen, eine etwas uncharmante Analogie mit Borsten, eine Phase wachender Nächte, ein Staat als Symptom, ein Staat als heiß geliebtes Zünglein an der Waage, ein Rechercheauftrag und ein hoffnungsvoller Ausblick. Herzlich willkommen zum politischen Kinoabend in der lesBar!

von NICK PULINA 

Servus in die Runde,

man kann ja in Bezug auf die Vereinigten Staaten von Amerika geteilter Meinung sein – Waffengesetzgebung, Umgang mit marginalisierten Gruppen und der an Perversion grenzende Drang, Popcorn mit Käse zu übergießen, sind nur einige Beispiele, die eine antiamerikanische Haltung befeuern könnten. Doch eines muss man unseren Freunden von „übern großen Teich“ wirklich lassen: Sie sind die Weltbesten, wenn es um Thrill, Suspense und Entertainment geht! Und nein, ich meine nicht Hollywood, den Broadway oder einen Einkauf im Walmart – ich meine ihre Wahlen!

Rückblende – 03.11.2020 (oder eher: 11/03/22)
Es ist 23:00 Uhr. Eine Freundin und ich sitzen nicht nur vor einem von Sushi überquellenden Tisch („Vorräte sind wichtig, die Nacht wird lang!“), sondern gebannt vor dem eigens dafür verschobenen Fernseher. Eine Flasche Champagner liegt im Kühlschrank. Man ist sich sicher in der Casa, das heute wird eine Wahlparty, wie man sie lange nicht gesehen hat. Erfolg garantiert. Dachten wir. Als um fünf Uhr in der Früh mehr als zwei Drittel der auf CNN präsentierten amerikanischen Landkarte rot gefärbt sind, beschließen wir doch recht angesäuert, dass man ja jetzt auch schlafen gehen könne, die Welt sei ohnehin dem Untergang geweiht. Tags darauf beginnt sich das Blatt zu wenden und lässt Schlaf in den kommenden 96 Stunden zu einem Gut werden, das rarer daherkommt als Klebstoffallergiker:innen bei der Letzten Generation. Was schmeckte der Champagner gut! Süßlich und frisch nach Demokratie, Umbruch, Freiheit.

Sie sehen: Das war Spannung pur! Und im Grunde ja mit der Dramaturgie eines guten Drehbuchs vergleichbar. Der von Beginn an als Protagonist erkennbare Hauptcharakter, von dem alle glauben, dass er nur einmal zwinkern muss, und die Welt liegt ihm zu Füßen, steht vor einer schier unlösbaren Aufgabe und scheitert zunächst. Dann rafft er sich auf, bekommt einen motivierenden, aber etwas dösigen Sidekick zur Seite gestellt (Entschuldigen Sie die Wortdopplung, Kamala), schafft es schlussendlich doch, den garstigen, oftmals demagogisch agierenden Antagonisten zur Strecke zu bringen und selbst auf dem Thron zu landen. Fällt Ihnen etwas auf? Richtig, die amerikanischen Wahlen sind nichts als eine Neuverfilmung von Der König der Löwen!

Nun wissen wir alle, dass Der König der Löwen II ein ziemlicher – freundlich gesagt – Drecksfilm war. Dementsprechend groß zeugte sich die Angst vor der erneuten US-Wahl in der vergangenen Woche. Ja, es war nur eine Zwischenwahl, da haben Sie recht, und dennoch nicht unerheblich. Zwar hätte man Simba nicht vom Thron stürzen können, und auch Timon & Pumba (Kamala, ich meine es wirklich nicht böse!) wären unversehrt geblieben. Doch was nützt ein mehr oder minder stabiler Königsfelsen, wenn er zum Großteil von Hyänen umkreist wird? Eben.

Also alles auf Anfang. Gut, dieses Mal ohne Sushi, Champagner und Fernseher. Zu groß war die Wahrscheinlichkeit, dass die Hyänen in beiden Kammern die Oberpfote gewinnen würden. Hie und da ein verstohlener Blick auf den Buschfunk, immerhin gab es so ein Wiedersehen mit den vertrauten und lieb gewonnenen Gesichtern von vor zwei Jahren. Doch was sie zu verkünden hatten, ließ erst einmal nichts Gutes vermuten. Somit hieß es auch in der letzten Woche: Einmal brüllen, Mähne richten, schlafen gehen. 

Wie es sich für einen „Generation X/Y/Z, oder was auch immer ich bin“-Angehörigen schickt, fiel der Blick am nächsten Morgen natürlich als allererstes auf das neben dem Bett liegende Handy. „EILMELDUNG“ lese ich da, „NEWS FLASH“ und „BREAKING NEWS“. Eigentlich möchte ich gleich weiterschlafen. Was war passiert? Hatten die Hyänen den Königsfelsen gestürmt und Simba zusammen mit seinem Erdmännchen- und Warzenschweinkumpel (Es geht wirklich nicht gegen Sie, Kamala!) kurzerhand aufgefressen? Hatten Sie bereits angefangen, gewisse Tierarten aus „allem, was das Licht berührt“ zu verdrängen oder Beziehungen zwischen Karnivoren und Herbivoren zu verbieten? Ganz im Gegenteil: Der Morgenreport war mehr als erfreulich! Ende der Analogie.

Was dann kam, haben Sie vielleicht mitbekommen. 2020 wiederholte sich. Glücklicherweise nicht der pandemische Teil, sondern der politische. Staat um Staat wechselte die Farbe von Rot zu Blau, zumindest im Senat. Und auch wie in 2020 waren es die gleichen gott***en, verm***en, ars***en Doofmannstaaten Nevada, Arizona und Georgia, an denen alles hing. Und es hing lange. Herrin im Himmel, hing das lange. Das hing so lange, man hätte währenddessen einmal das gesamte Saarland saugen, Bremerhaven komplett mit Vanillesoße befüllen und Berlin neu verfliesen können. Und dann auch noch das: Georgie, diese kleine Inkarnation des Wortes Entscheidungslegasthenie (Kennen Sie das? Wenn nicht, müssen Sie es mal googeln. Oder bei Ecosia suchen. Oder doch lieber bei Yahoo?) zog sich kurzerhand erst mal ganz raus. Lieber nochmal verschnaufen und in vier Wochen neu anfangen. Litt bestimmt an Mental Health. Danke für nichts, Cathy Hummels!

Inzwischen waren weitere 48 Stunden ins Land gegangen. Wahrscheinlich hatte inzwischen Katar die WM abgesagt, Putin sich aus der Ukraine zurückgezogen und China Taiwan als freien Staat anerkannt. Mitbekommen hätte ich es ohnehin nicht, denn ich war ja damit beschäftigt, alle zehn bis zwanzig Sekunden auf den „Refresh“-Button der CNN-Webseite zu klicken. Natürlich stand da oft stunden- manchmal tagelang etwas wie „Zuletzt aktualisiert: Keine Ahnung, aber da war Merkel noch Kanzlerin“. Irgendwann – es können Tage vergangen sein – begann mein rechter Zeigefinger eine sehr ungesunde Haltung einzunehmen. In gewisser Weise erinnerte er mich an einen Angelhaken. Nur härter. Meine andere Hand knackte ungut, als ich sie nach Äonen des iPad-Haltens wieder in eine, sagen wir mal, lebensbejahendere Position bringen wollte. Kurzum: Ich ging schlafen. Und ja, natürlich können Sie sich denken, was ich am nächsten Morgen auf meinem Handy zu sehen bekam! Nevada, ihr krassen Dudes! Spannender als jeder Hitchcockfilm. Außer Psycho.

Vielleicht war König der Löwen II doch nicht ganz so schlecht. Und dennoch wissen wir alle: Teil drei ist der beste! Und damit: Auf 2024!

Cheers!

Ihr

Nick Pulina

PS: Wir sollten eine Petition für mehr Entertainment im deutschen Wahlsystem starten. Claudia Roth und das ZPS kriegen wir bestimmt auf unsere Seite! Ich freue mich schon auf die Berichterstattungen: Sebastian Puffpaff, Evelyn Burdecki, Tahnee, Serdar Somuncu und Jürgen Drews analysieren die Ergebnisse in der großen „Pro7 Election Night 2025“. Herrlich!

PPS: Die Triggerwarnung des Monats kommt im November wieder einmal von der Staatsoper Hannover. Besucher:innen ihrer Produktion „Les dialogues des Carmélites“ werden vor einer zuknallenden Tür gewarnt.

PPPS: Kamala, sollten Sie Redebedarf haben, können Sie mich unter @culinanick bei Instagram kontaktieren.

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