Liebe und Lobotomie

Yael Inokai: Ein simpler Eingriff, Cover: Hanser Berlin

Mit Ein simpler Eingriff macht Yael Inokai den Spagat zwischen medizinethischer Diskussion und LGBTQ-Liebesgeschichte. Ein einfühlsamer Roman, der für den Deutschen Buchpreis letztlich zu brav war. Lesen sollten Sie ihn aber trotzdem!

von CARO KAISER 

Mit was für ethisch komplexen Fragestellungen das medizinische Personal in Krankenhäusern tagtäglich konfrontiert ist, ist einer breiten Öffentlichkeit vermutlich erst durch die Coronapandemie vollständig bewusst geworden, als das Schreckgespenst „Triage“ durch die Zeitungen und Talkshows spukte. Abzuwägen, welche Patienten man bei knappen Ressourcen weiterbehandelt und welche man voraussichtlich in den sicheren Tod entlässt, gehört sicherlich zu den besonders schwer zu knackenden Nüssen der Medizinethik. Aber auch andere Situationen, die Operationssaal und Arztzimmer in Sokrates‘ Symposium verwandeln, sind nur mit vergleichbaren ethischen Bauschmerzen zu lösen. Zum Beispiel diese hier: Stelle Sie sich vor, es gebe eine neuartige Behandlungsmethode, die eine ganze Reihe von psychischen Problemen und Persönlichkeitsstörungen quasi über Nacht „heilen“ könnte. Der Haken: Bei dieser Behandlungsmethode handelt es sich um einen extrem invasiven operationalen Eingriff am Gehirn, der bislang nur wenig erforscht und erprobt ist und im schlimmsten Fall unwiderruflichen Schaden bei den Operierten hinterlässt. Würden Sie als Ärztin, Arzt, Arzthelferin oder Arzthelfer einen solchen Eingriff empfehlen und selbst durchführen? Oder würden Sie die Betroffenen eher klassisch mit Medikamenten ruhigstellen oder direkt in die geschlossene Psychiatrie schicken? In Anbetracht der Tatsache, dass den meisten Menschen bei der Wörterkombination von „Persönlichkeitsstörungen“, „operativer Eingriff“ und „Gehirn“ vermutlich direkt das Wort „Lobotomie“ mit all seinen grausigen Assoziationen einfällt, werden viele bei diesem Gedankenexperiment die Gehirnoperation vielleicht als den moralisch fragwürdigeren Behandlungsansatz ansehen. In Yael Inokais Roman Ein simpler Eingriff geht es genau um einen solchen experimentellen Eingriff.

Wut kleidet die Damenwelt schlecht, also schnippeln wir das Hirn zurecht

Protagonistin und Ich-Erzählerin ist eine junge Frau namens Meret, die als Krankenpflegerin in einem größeren Krankenhaus arbeitet. Wann genau die Handlung stattfindet, kann die Leser*innenschaft nur erahnen. Klar ist aber, dass es eine Zeit ist, in der Ärzte Männer sind und das restliche Medizinpersonal noch ausnahmslos „Krankenschwestern“ genannt werden kann. Im immer gleichen Klinikalltag, wo Leiden und Sterben keine Ausnahmesituationen sind, wo sich das Personal vielmehr an ihre Präsenz gewöhnt hat und über Nacht verstorbene Patienten und Patientinnen lediglich Zimmernummern sind, hat sich Meret ihren jugendlichen Idealismus erhalten. Während die älteren Schwestern Mitgefühl und Hoffnung als unnötigen, gefühlsduseligen Ballast für ihr fast schon maschinelles Arbeiten verpönen, hat sich Meret gerade durch ihr Festhalten an diesen allzu menschlichen Empfindungen – man könnte auch sagen: Tugenden – das Ansehen einer der leitenden Ärzte erworben. Dieser Arzt ist davon überzeugt, Personen, die ihre Gefühlsausbrüche nicht kontrollieren können, mithilfe einer kurzen Operation am Hirn zu helfen, ihre Emotionen besser unter Kontrolle zu halten und wieder ein unauffälliges Leben inmitten der restlichen Gesellschaft führen zu können. Meret klammert sich an dieses hoffnungsvolle Narrativ des Arztes und kann es nicht nachvollziehen, dass ihre Zimmergenossin, Arbeitskollegin und große Liebe Sarah den titelgebenden „simplen“ Eingriff so vehement ablehnt. Sarahs Argument: Der Eingriff würde hauptsächlich eingesetzt, um eigensinnigen Frauen den Eigensinn herauszuoperieren; Frauen, die als Männer ein normaler Teil der Gesellschaft wären, aber als Frauen eben nicht den Ansprüchen nach zurückhaltender, fürsorglicher und keuscher Weiblichkeit genügen.

Der Roman veranschaulicht diese Geschlechterdiskrepanz anhand von zwei Figuren: Merets Vater und der Patientin Marianne. Beide Figuren erfahren regelmäßig hemmungslose Wutausbrüche, die nicht selten gewalttätig verlaufen. Während Merets ehefrau- und kinderschlagender Vater nie auch nur in die Nähe einer Lobotomie kommt und die Familie stattdessen ihre Verhaltensweisen auf die schwer kontrollierbaren Gefühle des Vaters abstimmt, sieht es bei Marianne ganz anders aus. Die Tochter aus gutem Hause – da ist sich die wohl betuchte Familie einig – muss ruhiggestellt werden. Natürlich nicht nur um des guten Rufes der Familien willen! Nein, nein, selbstverständlich auch um Mariannes willen – selbst, wenn diese weniger überzeugt von der Operation ist. Die Grundkonstellation erinnert stark an das Leben Rosemary Kennedys. Auch die Schwester des früheren US-Präsidenten John F. Kennedy wurde von ihrem Vater zu einer Lobotomie gedrängt, da man in der angesehenen und streng katholischen Familie befürchtete, Rosemary könnte durch ihr wenig ladylikes Benehmen vorehelich schwanger werden. Das Resultat: Die Operation ließ die junge Frau mit schweren psychischen Behinderungen zurück und so wurde sie von ihrem Vater in ein entlegenes Pflegeheim verbannt, wo er sie niemals besuchte. Aus dem öffentlichen Bild der Familie Kennedy wurde Rosemary komplett geschwärzt. Sozusagen eine lebende Tote, die niemals existierte.

So schreibt man übers Verliebtsein!

Puh, harter Tobak! Aber der Roman hat auch seichtere Seiten – was keineswegs despektierlich gemeint ist. Ganz im Gegenteil, Inokai schafft es, die schweren Themen rundum gesellschaftliche Normen und ihre Sicherstellung durch medizinische Eingriffe mit der parallel laufenden Liebesgeschichte zwischen Meret und ihrer Zimmergenossin und Arbeitskollegin Sarah zu verbinden, ohne dass sich stimmliche Gräben auftäten. Der Roman ergibt ein kohärentes Ganzes. Er zerfällt nicht in eine Erzählung über Fragen der Medizinethik und in eine über eine lesbische Liebesgeschichte. Ein Grund hierfür liegt darin, dass Inokai sich der Vorherrschaft von Kitsch und Plakativität im literarischen Schreiben über Liebe widersetzt. Wir müssen uns – Gott sei Dank! – nicht irgendwelche möchtegernpoetischen Beschreibungen von unserer Ich-Erzählerin Meret anhören, wie wunderschön Sarah sei, was für einen edlen Charakter sie doch habe oder wie sonst in der Literatur noch über Frauen (manchmal auch Männer) gesprochen wird, an denen die Protagonist*in romantisch interessiert ist. Auch fremdschämerische Liebesbekundungen bleiben uns erspart. Stattdessen ist der Roman gespickt mit Beschreibungen kleiner Situationen und Verhaltensweisen, die es in ihrer Vielzahl der Leser*innenschaft deutlich machen, dass Sarah Meret schlimm erwischt hat. Ein Beispiel:

„[Sarah] scharrte mit den Füßen auf dem Boden. Kurz dachte ich, dass sie auch so nervös war, dass ihr Körper sich in meiner Gegenwart genauso fremd und unbeholfen fühlte wie meiner in ihrer.“

Man möchte fast ausrufen: „So beschreibt man Verliebtsein!“ Vor allen Dingen möchte man aber ausrufen: „Das reicht vollkommen aus!“ Weniger ist mehr. Die Liebesgeschichte in Ein simpler Eingriff ist subtil und trotzdem immer präsent, ein Kernbestandteil des Buches, aber nicht aufdringlich. Auch thematisch ergibt die Unauffälligkeit der Liebe zwischen Meret und Sarah Sinn: Homosexualität ist zur Handlungszeit des Romans immer noch gesellschaftlich geächtet, und lesbische Frauen genau die Zielgruppe für den experimentellen neuen Eingriff, den Meret auf ihrer Arbeit betreut.

Bei so viel Lob stellt sich die Frage: Warum hat es der Roman zwar auf die Longlist des Deutschen Buchpreises, nicht aber auf die Shortlist geschafft? Hier lässt sich natürlich nur spekulieren, aber der Roman ist trotz seiner heiklen Thematik letztlich doch ein ziemlich gediegener, man könnte fast sagen braver Roman. Das ist einerseits zwar genau das, was ihn auszeichnet. Andererseits, aber vielleicht auch der Grund, warum man anderen, auffälligeren Texten den Vortritt gelassen hat. Aber auch ohne Deutschen Buchpreis gehört Yael Inokais Roman zu einem der spannenderen Neuerscheinungen diesen Jahres.   

Yael Inokai: Ein simpler Eingriff

Hanser, 192 Seiten

Preis: 22,00 Euro

ISBN: 978-3-446-27231-6

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