Türchen 8: Über Aliens, Zeitreisen und die (Un-)Möglichkeit des Erzählens

Wie erzählt man von Geschehnissen und Erinnerungen, die so unglaublich grausam sind, dass das menschliche Gehirn sie uns einfach vergessen lässt? Mit dieser Frage setzt sich Kurt Vonnegut in seinem Roman Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug aus dem Jahre 1969 auseinander. Ein Stück großartige Weltliteratur, das uns in das Leben eines zeitreisenden Soldaten eintauchen lässt, der von Aliens entführt, im Zoo ausgestellt und mit einer Pornodarstellerin namens Montana Wildhack gepaart wird. Was hier erst einmal verrückt klingen mag, verbindet sich zu einem der großen Monument der Antikriegsliteratur.

von ANN-KATHRIN ALBUSTIN

Auch wenn es wohl ein Mythos ist, dass wir in der Weihnachtszeit die Zeit zum Lesen hätten, so ist doch allen bewusst, dass wir uns hin und wieder mal eine Auszeit gönnen sollten. Sehr wahrscheinlich steht sogar genau das auf Ihrer Neujahrsliste, vielleicht auch nicht zum ersten Mal, habe ich recht? Verschieben Sie Ihre Vorsätze für das neue Jahr doch gemeinsam mit mir in die Vorweihnachtszeit und folgen meiner Empfehlung, sich zurückzulehnen und einem der bekanntesten amerikanischen Autoren der Nachkriegszeit zu lauschen: Kurt Vonnegut. Wenngleich es sich bei Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug nicht um einen Roman handelt, der Ihre Vorfreude auf das Weihnachtsfest schüren wird, so bin ich mir doch ziemlich sicher, dass er unsere literaturbegeisterte Leserschaft zu überraschen und bestenfalls zu begeistern vermag. Vonneguts wohl bekanntestes Werk handelt nicht nur von der Bombardierung Dresdens während des Zweiten Weltkriegs. Vielmehr erzählt er von den Grauen des Krieges als ein gar zeitloses Phänomen, das seit Anbeginn der Menschheit niemals nicht aktuell war. Daran mahnt nicht zuletzt der Titel des Romans, spielt er mit Der Kinderkreuzzug nicht nur auf den Kinderkreuzzug im Jahre 1212/13 an, sondern gleichermaßen auf die Tatsache, dass es immer auch junge Erwachsene, fast noch Kinder sind, die in einen für sie undurchschaubaren, sinnlosen und leidvollen Krieg ziehen müssen. So auch im Zweiten Weltkrieg.

„Hört: Billy Pilgrim hat sich von der Zeit losgelöst.“

Das verdeutlicht Vonnegut nicht zuletzt mit seinem unbeholfenen Protagonisten Billy Pilgrim, dessen Nachname zum Programm erhoben wird. Der Roman erzählt von seinem leidvollen Einsatz als junger amerikanischer Soldat im Zweiten Weltkrieg und lässt uns durch kontinuierliche Einschübe sowohl in Momente seiner Vergangenheit als auch Zukunft springen. Pilgrim reist durch die Zeit – eine Fluchtbewegung, die ihm oft nicht gelingt, da er den Zeitpunkt seines Lebens nicht bestimmen kann, in dem er landet. Doch Billy Pilgrim musste dem Grauen entfliehen, sich von der linearen Zeitordnung lösen und auf den Planeten Tralfamadore entführt werden. In eine Welt, deren Bewohner die Zeit in unzähligen Augenblicken synchron wahrnehmen und so auch den im Roman allgegenwärtigen Tod aus einer ganz und gar anderen Perspektive betrachten: Denn für die Tralfamadorianer ist der Tod ein Moment von vielen, ein Augenblick, in dem es uns bloß nicht so gut geht wie in anderen. Die Erdlinge sind für sie eine Kuriosität – so auch Billy Pilgrim und Montana Wildhack, die sogleich in einem ihrer Zoos ausgestellt und gepaart werden. 

Frank Sinatra? Nein danke!

Kurt Vonnegut, der gleichermaßen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfte, musste die Bombardierung Dresdens genauso wie Billy Pilgrim als Kriegsgefangener miterleben – im Gebäude 5 eines Schlachthauses. Ein sinnloses Ereignis, das das Leben tausender Zivilopfer forderte – „so geht das“. Ein Kommentar, der im Roman immer dann auftaucht, wenn von Tod und entsetzlichen Ereignissen die Rede ist, als Ausdruck der Ohnmacht einem Grauen gegenüber, das unvermeidlich und unerzählbar ist. Doch eines steht direkt zu Beginn fest: Vonnegut schreibt keinen Roman, dessen Helden in einer späteren, verherrlichenden Kriegsverfilmung von „Frank Sinatra und John Wayne oder sonst einem anderen dieser bezaubernden, kriegsbegeisterten, dreckigen alten Männer“ gespielt werden. Stattdessen präsentiert er uns einen metafiktionalen Roman, der auf seine ganz außergewöhnliche Art das Grauen des Krieges hervorhebt und fortwährend über seine narrativen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten reflektiert. Eine klare Empfehlung für alle Literaturfreunde!

PS: Wer mal etwas anderes ausprobieren möchte, hat die Möglichkeit, sich dem Antikriegsklassiker als Graphic Novel von Ryan North und Albert Monteys zu widmen.

Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Aus dem Englischen von Kurt Wagenseil

Rowohlt Taschenbuch Verlag, 208 Seiten.

Preis: 10,00 Euro

ISBN: 978-3-499-25313-3

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