Ein Leseerlebnis wie ein Schlag ins Gesicht

Annika Büsing: Nordstadt; Cover: Steidl

Die Nordstadt: In vielen deutschen Großstädten ist diese Stadtregion pejorativ besetzt. Von Gewalt, Armut und Bildungsferne ist dieser Ort auch in Annika Büsings Roman Nordstadt betroffen. Personifiziert wird dieses Elend in unserer Mitte, das wir nur allzu gerne auszublenden suchen, durch die junge Bademeisterin Nene. Sie durchlebt Traumatisches: Ständig fehlt in ihrer Familie das Geld, ihr Vater schlägt sie, ein Klassenkamerad vergewaltigt sie. Klare Ansage für die Lektüre: Lesen statt wegschauen – und unser Mitleid können wir uns sonst wo hinstecken.

von THOMAS STÖCK

Welches gute Buch beginnt heute noch mit den Worten „Ich liebe dich“? Nun, Annika Büsings Roman Nordstadt zum Beispiel. Eine Geschichte über eine heranwachsende junge Dame namens Nene, die das Leben nicht gerade mit Glück gesegnet hat. Ihr Vater verlässt eine andere Frau für ihre Mutter, doch glücklich wird er mit seiner neuen Familie nicht. Er säuft und schlägt seine Tochter. Die Mutter kann der Gewalt zu Lebzeiten keinen Einhalt gebieten, ihr früher Tod macht alles nur noch schlimmer. Nene kommt früh zu ihrem einzigen Hobby, dem Schwimmen. Im dortigen Verein fällt alsbald auf, dass sie geschlagen wird. Das Jugendamt unternimmt nichts.

Als sie älter wird, entzieht sich Nene zunehmend ihrem Vater. In der Schule gerät sie an die falschen Leute. Eines Tages, die jungen Leute treffen sich auf einem Spielplatz, bemächtigen sich ihrer mehrere junge Männer, Bekannte aus der Schule. Einer unter ihnen vergewaltigt sie. Nene gelingt es mit Ach und Krach, die Schule zu beenden und geht einer Tätigkeit nach, die ihren Fähigkeiten entspricht: Sie wird Bademeisterin. Ungefähr hier setzt die Handlung des Romans ein. Sie merken schon: Schön wird dieses Abenteuer nicht.

Von Arschlöchern und Krüppeln: Zeitgeist à la Nordstadt

Nordstadt ist ein zeitgeistiger Roman. Mit diesem Zeitgeist habe ich normalerweise so meine Probleme, weil das Altbekannte in Worte gegossen nur einen geringen Mehrwert bietet. Schließlich kennen wir ja unsere Umwelt, gell? Doch für den, der im Alltag wegschaut, sind die Einblicke in diese vielen Gutbetuchten verschlossene Welt augenöffnend. Büsing gebraucht eine flotte, unverblümte Sprache, die der prävalent vorherrschenden Gewalt voranschreitet. „Arschloch“ gehört in dieser Welt praktisch zum guten Ton. Dabei ist die im Roman anzutreffende Nordstadt eine Allerweltsstadt, in der nichts Interessantes passiert. Kein Ort also, über den man einen Roman schreiben sollte. Hier will man nicht tot überm Zaun hängen – oder anderen Leuten beim Abhängen zuschauen müssen.

Aber genau so ist es: Wir schauen Nene über die Schulter, wie sie mit ihrer neuen Bekanntschaft abhängt. Boris ist sein Name und Boris hat aufgrund einer Erkrankung an Kinderlähmung seit seinem zweiten Lebensjahr damit zu kämpfen, ein Krüppel zu sein. Ja, ein Krüppel. Dieses anrüchige Wort, das nicht mit der Political Correctness konform geht, beschreibt Boris’ Selbstwahrnehmung sehr gut. Und auch die Wahrnehmung der Menschen in seiner Umgebung. Die eine Hälfte macht sich über ihn lustig, die andere Hälfte bemitleidet ihn. Das ist aber das Letzte, was er will. Wie übrigens auch Nene, wenn sie über ihre Kindheit oder die Vergewaltigung spricht. Beide wollen ihre Opferrolle irgendwie loswerden. Und das gelingt ihnen auch, nämlich immer dann, wenn sie zu zweit sind.

Wenn Sex scheitert

Die Liebe, die sich schon in den ersten drei Worten Bahn bricht, will natürlich auch physisch praktiziert werden. Denn, wie wir alle wissen, ist Sex ja schließlich die schönste Nebensache der Welt – sofern es denn klappt. Und genau daran scheitern Nene und Boris mehrfach, denn Boris’ Beine bereiten ihm häufig Schmerzen, sodass er nicht einmal mehr einen hochkriegt. Mit seinem Körper, seiner nicht vorhandenen Ausbildung und dem Verhalten der anderen Menschen stets unzufrieden, bricht aus Boris regelmäßig der angestaute Frust heraus. Auch so manches Mal gegen Nene, die eigentlich nichts dafür kann. Stellenweise ein wenig kitschig wie ein klassisches Teenager-Drama, über weite Strecken von einer ernüchternden Ernsthaftigkeit, mit der man bei zwei so jungen Protagonisten nicht rechnet. Es handelt sich eben um echte Probleme, unter denen die Beiden leiden. Man kann ihnen nur wünschen, dass sie die Nordstadt so schnell wie möglich hinter sich lassen.

Annika Büsing: Nordstadt. Roman
Steidl, 128 Seiten
Preis: 20,00 Euro
ISBN: 978-3-96999-064-3

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