„Es war alles ganz anders“

Vicki Baum, ca. um 1930

Trivialliteratur, gehobene Unterhaltungsliteratur oder ein intermedialer Geniestreich – an Vicki Baums Romanen scheiden sich die Geister. Ihr größter Erfolg schaffte es sogar auf die Leinwand Hollywoods. Und doch wird Vicki Baum in der Forschung trotz ihrer Karriere bis heute gekonnt ignoriert. Die wenigen, die sich dennoch mit ihr beschäftigen, zeigen auf: Nicht nur in ihren Romanen geht es trubelig und temporeich zu. Vicki Baum lebte für eine Weile das Leben, das sich so viele weibliche Angestellte in der Weimarer Republik wünschten und war damit ein Paradebeispiel der Neuen Frau. Heute wäre sie 135 Jahre alt geworden – und hätte sicherlich groß gefeiert.

von REEMDA HAHN 

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Ein Leseerlebnis wie ein Schlag ins Gesicht

Annika Büsing: Nordstadt; Cover: Steidl

Die Nordstadt: In vielen deutschen Großstädten ist diese Stadtregion pejorativ besetzt. Von Gewalt, Armut und Bildungsferne ist dieser Ort auch in Annika Büsings Roman Nordstadt betroffen. Personifiziert wird dieses Elend in unserer Mitte, das wir nur allzu gerne auszublenden suchen, durch die junge Bademeisterin Nene. Sie durchlebt Traumatisches: Ständig fehlt in ihrer Familie das Geld, ihr Vater schlägt sie, ein Klassenkamerad vergewaltigt sie. Klare Ansage für die Lektüre: Lesen statt wegschauen – und unser Mitleid können wir uns sonst wo hinstecken.

von THOMAS STÖCK

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Faust verstehen lernen

Alexwander Pavlenko / Jan Krauß: Faust; Cover: Edition Faust

„Wie erzähle ich es meinen Kindern?“ Eine Frage, die sich jeder Lehrer und jedes Elternteil stellen sollte, wenn es um die Vermittlung von klassischer Literatur geht. Nicht jeder wird mit der Gabe geboren, Goethe und Co. schon mit der Muttermilch aufzusaugen und jede Buchseite wie eine Rabelais’sche Figur zu verschlingen. Damit die Kiddies dennoch auf den Geschmack kommen, könnten wir doch mal etwas Neues versuchen: Faust als Graphic Novel zum Beispiel.

von THOMAS STÖCK

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Aus dem Leben

Cho Nam-Joo: Miss Kim weiß Bescheid; Cover: KiWi

In Miss Kim weiß Bescheid versammelt Cho Nam-Joo acht Geschichten koreanischer Frauen, die aus deren Alltag erzählen. Dabei weisen die Kurzgeschichten auf Missstände und Ungerechtigkeiten, aber auch auf ganz persönliche Schwierigkeiten und Hindernisse hin.

von CELINA FARKEN

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Kampf dem Kopftuch

Marjane Satrapi: Persepolis; Cover: Edition Moderne

2022 markiert eine Zeitenwende im Iran: Als Reaktion auf den Tod einer jungen Kurdin namens Mahsa Amini in der Gewalt der iranischen Sittenpolizei brechen sich landesweit Proteste Bahn. Frauen legen das Kopftuch ab, schneiden sich die Haare ab, Männer unterstützen sie auf den Straßen. Wie konnte es dazu kommen, dass das Schicksal der Iraner von religiösen Fanatikern bestimmt wurde? Diese und weitere Fragen beleuchtet Marjane Satrapi anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte in der Graphic Novel Persepolis.

von THOMAS STÖCK

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Herr Theodor Fontane aus der Fontane-Stadt

Theodor Fontane – Gemälde von Carl Breitbach, 1883

Kaum ein deutscher Schriftsteller wird mehr mit dem poetischen Realismus in Verbindung gebracht als er: Theodor Fontane. Mit zahlreichen Gedichten, Erzählungen oder Fortsetzungsromanen entführt Fontane auch jetzt noch begeisterte Leser und Leserinnen aus ihrem Alltag. Heute wäre der Schriftsteller 203 Jahre alt geworden – ein guter Grund, um sich ihn und seine Texte näher anzusehen.

von VIKTORIA GORETZKI 

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Literatur und Feuilleton Podcast – Folge 009: Winter, Ende, Neuanfang und ein Bücherranking

Das Jahr neigt sich dem Ende zu: „A day amidst the snow ghosts of Sun Peaks“, Copyright von Murray Foubister.

Das Weihnachtsfest und der damit einhergehende Trubel sind vorbei. Wehmütig blicken der Eine oder die Andere auf die oftmals zwar stressigen, aber auch mit vielen schönen Momenten versehenen Tage. Und auf das Ende der Weihnachtstage folgt der Ausklang eines ereignisreichen Jahres. Deshalb möchten wir gern mit euch einen literarischen Rück- und Ausblick tätigen. Dabei machen wir einen Ausflug zu den Höhen und Tiefen des Berges an Büchern, die man so in einem Jahr liest. Oder genauer: Die ich dieses Jahr gelesen habe. Kira hat mich auf meinem Trip durch schöne und weniger schöne Leseerlebnisse live auf Instagram zu unserem Beitrag zum vierten Advent begleitet. Doch bevor es so weit ist, wollen wir – der Jahreszeit entsprechend – den Winter, das Ende des alten und den Beginn eines neuen Jahres gebührend zelebrieren.

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Erweckung eines einsamen Mädchens

Eeva-Liisa Manner: Das Mädchen auf der Himmelsbrücke; Cover: Guggolz

Leena ist von Traurigkeit geplagt. Die Protagonistin in Eeva-Liisa Manners Das Mädchen auf der Himmelsbrücke hat keine Freunde in der Schule, die ihre Lehrerin ihr zusätzlich zur Hölle macht. Auch zu Hause wartet auf sie nur ihre vom Leben enttäuschte Oma, deren Trübsal durch eine Diagnose von Epilepsie bei Leena noch verstärkt wird. Leena ergeht sich in kindlich-fantastischen Tagträumen, deren Strahlkraft jedoch durch ein musikalisch-religiöses Erweckungserlebnis überdeckt wird.

von THOMAS STÖCK

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Zur Schlachtbank in die Wüste

Lauri Kubuitsile: Zerstreuung; Cover: InterKontinental

Für etwas Weidegrund und einen besseren Schutz vor Übergriffen zogen sie in den Krieg – und wurden beinahe vollständig vernichtet: Lauri Kubuitsile berichtet uns in Zerstreuung vom Völkermord an den Herero und kreuzt die Erlebnisse der Überlebenden Tjipuka und ihres Ehemanns Ruhapo geschickt mit der der Burin Riette, welche selbst durch einen Krieg in ihrem bisherigen Leben erschüttert wurde. Die geschickte Psychologisierung einer im Verfall begriffenen Familie führen uns vor Augen, wie furchtbar das ach so fortschrittliche deutsche Kaiserreich wider seinen schwarzen Mitbürgern verfuhr.

von THOMAS STÖCK

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Unglückliches Glück

Natalie Buchholz: Unser Glück; Cover: Penguin Random House

Natalie Buchholz präsentiert in Unser Glück ein soziologisch-psychisches Experiment über den Zusammenhalt einer Familie. Wie viel braucht es, um eine perfekt erscheinende Ehe zu zerstören? Hier hätte sie weiter gehen, stärker zuspitzen und das Romanfinale in einer unbedingten Ausweglosigkeit münden lassen sollen, um das Potential ihrer Idee voll auszuschöpfen.

von ALINA WOLSKI

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